Video, ergo sum

http://www.video-ergo-sum.de/

Systematik: ID-Archiv id-e-7342


Status: Server not found (49)
Checked: 03-03-02 03:32:56 PM

Adresse:


Selbstdarstellung:
Warum ein so altmodischer lateinischer Titel für eine Veranstaltung, die sich im Rahmen der Interface Reihe mit den Hintergründen und Konsequenzen der Computertechnologie beschäftigt? Video, ergo sum Warum hat Descartes das nicht gleich gesagt? Er hat es gesagt, aber erst sieben Jahre nach dem berühmten cogito, ergo sum, das Philosophiegeschichte gemacht hat. Beides - das cogito wie das video, ergo sum- richtete Descartes selbstbewußt gegen die neu entdeckten optischen Täuschungen, denen der Mensch ausgesetzt ist. Als von Gott konstruierte Maschine hatten seine Sinnesorgane und besonders die Augen den Gesetzen der Physik zu gehorchen. Die Augenlinsen aber entwarfen zwangsläufig wie in der Camera obscura seitenverkehrt kopfstehende Bilder auf den Netzhäuten; das hatte 1604 Keplers bahnbrechende mathematische Analyse ergeben. Also mußte die kritische Vernunft her, um die prinzipiellen Verfälschungen durch optische Projektionen, Brechungen, Spiegelungen &c durchschaubar zu machen. Kepler, Descartes und andere Gelehrte ihrer Zeit machten den Anfang - und es ist noch kein Ende abzusehen für die kritische Auseinandersetzung mit den apparativen Erweiterungen unserer Lebenswelten. Video, ergo sum soll als Titel und Motto des dreitägigen Symposions im Warburg-Haus einen grundlegenden, historisch-systematischen Beitrag zur Bewußtseinsgeschichte unserer Medienkultur ankündigen. Die von den eingeladenen Vortragenden angemeldeten Themen lassen eine sehr konzentrierte Debatte der hier skizzierten Problematik erwarten. Einige allgemeinere Thesen Die Geschichte der instrumentierten Medien hat in der Zeit um 1600 ihren ideellen Ursprung und nicht in der vielgeschworenen platonischen Höhle. Erst als menschliche Wahrnehmungen als organisch-apparative Erzeugnisse verstanden und durchschaut waren, wurden differenzierbare Erörterungen ihrer Wahrheitsgehalte möglich. Für das Verständnis der Selbstzurichtungen des Menschen seit 1600 sind sowohl die Entwicklung der Bildtechnologien als auch die Errungenschaften der Physiologie & neuronalen Forschung wesentliche Voraussetzungen. Die Systeme der Erinnerungskunst als Künste des organisierten Sehens sind seit etwa 1600 aufs Engste mit der Entwicklung apparativer Technologien - laterna magica, Photoapparat, Film, Fernsehen, computergestützte Visionen &c - verschränkt; menschliche Erinnerung ist seither vom maschinellen Bildgedächtnis nicht mehr zu trennen. Jena/Hamburg im August 1997 gez. OB/KC